Die alten, lange nicht mehr gehörten Fragen zum Pop, da sind sie endlich wieder: Was will er eigentlich? Wie sehr darf er sich einmischen? Für was soll er eintreten?

Alli Neumann, nach eigenen Angaben seit einigen Jahren 20, findet: Das mit der lieblichen, friedlichen, mit allem außer dem lästigen Liebeskummer einverstandenen Popmusik war eine Weile ganz schön, aber jetzt ist es vielleicht doch mal wieder an der Zeit für eine Alternative. Für Pop, der etwas will. Was sich dadurch ausdrückt, dass er für etwas steht. Und über Liebeskummer kann man dabei ja trotzdem noch singen.

„In Deutschland gibt es gerade wieder diese seltsame Nachkriegsrudiment-Idee, Musik sei nur dazu da, um sich abzulenken. In den 80ern waren wir da schon viel weiter“, sagt Alli. „Ich bin bestimmt nicht mega politisch, aber ich fühl’ mich politisch. Ich will zum Beispiel zehn Jahre lang keine neuen Klamotten kaufen, nur Second-Hand-Sachen. Ich ernähr’ mich vegan. Und ich lebe so selbstbestimmt, dass man vermutlich das Label ,Feministin’ draufpacken könnte. Trotzdem will ich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger nerven. Ich find’s cooler, wenn man einfach eine Alternative lebt und andere dadurch vielleicht inspiriert.“

Das, was man auf ihren ersten beiden EPs hört, die im Oktober 2018 und Frühjahr 2019 veröffentlicht werden, nennt Alli deshalb auch „Alternativen Pop“. Natürlich drehen sich ihre Songs nicht dauernd um die ganz großen Gesellschaftsprobleme, es geht genau so um das kleine, von uns allen jeden Tag aufs Neue fortgeführte Theater vom Gelingen und Scheitern Beziehungen aller Art. Und trotzdem werden sie vorgetragen mit einer Haltung, in der viele große Botschaften stecken. Eine: Man muss nicht zart klingen, um über ein zartes Gefühl zu singen. Man kann selbstbewusst, wütend und rau sein, ohne Zerbrechlichkeit zu bestreiten. „Ich hab keinen Bock, eine weitere glattgebügelte, angepasste Frau in unserer Musikindustrie zu sein“, sagt Alli. „Es ist mal wieder Zeit für ein bisschen Krawall.“

Ihre erste inspirierende Pop-Erfahrung macht sie selbst im Alter von vier Jahren. Damals krempeln ECHT, die wie sie aus Flensburg kommen, gerade die deutsche Musiklandschaft um. Alli hört nichts anderes mehr. „Irgendwann habe ich für meine Eltern ein ECHT-Konzert im Wohnzimmer gegeben. Mein Vater war total gerührt. Er meinte: ,Wenn die’s geschafft haben, kannst du das auch.’“

Alli beginnt, Musik zu machen. Bald hängt ihr Herz nicht mehr am Deutsch-Pop, sie liebt jetzt Blues. Während andere Mädchen mit 12 nach der Schule ins Einkaufszentrum oder den Reitstall fahren, probt sie auf dem Ton-Steine-Scherben-Hof eigene Songs, die Rio Reisers Bassist Jochen Hansen produziert. Er hatte Alli bei einem Straßenkonzert entdeckt.

Wenig später spricht sie wieder jemand nach einem Auftritt an: Franz Plasa. Früher war er Produzent von Selig, Falco und ECHT, jetzt wird er ihrer – vermutlich ohne zu ahnen, wie ernst Alli das Ganze ist. Zwei Tage nach ihrem Abi steht sie mit ihrem Rad und einer Tasche Klamotten vor seiner Haustür: „Hi, ich wohn jetzt bei dir und wir machen ein Album zusammen.“ Plasa antwortet: „Na dann komm mal rein.“

Die Platte, die sie produzieren, wird nie veröffentlicht, weil, wie Alli es zusammenfasst, „niemand Bock auf Blues hat in diesem Land“. Freunde raten ihr, sie solle endlich auf Deutsch singen, dann würde es schon werden mit dem Erfolg. Nur um ihnen zu beweisen, dass das Quatsch ist, übersetzt sie einen ihrer Songs vom Englischen ins Deutsche. Beim Schreiben denkt sie: „Oh Fuck, die hatten Recht. Das ist es!“ Jive Germany/Sony Music denkt das wenig später auch.

Und dann passiert noch etwas Überraschendes: Über Franz Plasa lernt Alli Kim Frank kennen. Der ehemalige Frontmann von ECHT ist mittlerweile Autor und Regisseur. Obwohl sie noch nie zuvor geschauspielert hat, besetzt Frank sie für eine der beiden Hauptrollen in seinem ersten Spielfilm „WACH“, der nur ein paar Wochen vor ihrem ersten EP-Release erscheint. Für Alli schließt sich damit ein Kreis: „Jetzt hab ich das Gefühl, alles war Fügung. Die zehn Jahre Toast-mit-veganer-Margarineessen hatten einen Sinn. Mittlerweile hab ich auch Geld, um mal Gurke drauf zu packen.“

Releases





News